Kinder großzuziehen ist eine Herausforderung. Besonders in den ersten Jahren erleben Eltern oft Situationen, die sie verunsichern oder überfordern. Hinzu kommen Schlafmangel und berufliche Ansprüche, die erfüllt werden müssen. Besonders hart trifft dies Mütter mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS). Welche Probleme und Ängste sie erleben, welche Risiken für ihre Kinder bestehen und wie ein spezielles Training dabei helfen kann, den Familienalltag besser zu meistern, beschreibt Prof. Dr. Charlotte Rosenbach, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der HMU Erfurt und Expertin für die Behandlung von BPS.
Elterntraining für emotional instabile Mütter
Frau Prof. Rosenbach, als psychologische Psychotherapeutin haben Sie Erfahrung in der Behandlung von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, kurz BPS. Wie viele Menschen sind betroffen und wie äußert sich die Krankheit?
Statistisch gesehen erkrankt in Deutschland ca. ein Prozent der Gesamtbevölkerung im Verlauf des Lebens an BPS. Häufig treten Symptome der Störung in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter auf. Eine klare Diagnose erfolgt trotzdem nicht immer sofort – manche Patient:innen leben jahrelang in dem Glauben, an einer Depression oder Angststörung zu leiden und bekommen die richtige Diagnose erst spät. BPS geht mit einer hohen emotionalen Instabilität einher, die sich sowohl in Beziehungen als auch im eigenen Selbstbild widerspiegelt. Betroffene erleben ein Wechselbad heftiger Gefühle und haben Probleme, ihre Affekte zu regulieren und zu kontrollieren. Diese Schwierigkeiten in der Emotionsregulation werden oft an die nächste Generation weitergegeben.
Was passiert, wenn betroffene Frauen Kinder bekommen?
Als Mütter stehen Frauen mit BPS vor denselben Herausforderungen wie alle anderen Mütter auch: Sie müssen ihr Leben auf das Kind ausrichten, mit Schlafmangel und Schrei-Attacken fertig werden und Verantwortung für das Wohl des Kindes übernehmen. Diese Situation versetzt sie häufig in einen sehr fragilen Zustand. Oft fehlen Rollenmodelle aus der eigenen Biografie; Mütter mit BPS haben vielleicht nie selbst erlebt, wie Eltern liebevoll mit Kindern umgehen. Viele von ihnen verzweifeln an der Frage, wie sie ihr Kind liebevoll großziehen können, denn dass sie ihre Kinder lieben, steht außer Frage.
Bitte beschreiben Sie kurz, welche Probleme und Risiken typisch sind für Mütter mit BPS – und was das für ihre Kinder bedeutet.
Aufgrund der Instabilität im Erleben und Verhalten schwanken die Gefühle für ihre Kinder zum Teil sehr stark zwischen Nähe und Distanz. Auch die Art und Weise, wie auf das Verhalten der Kinder reagiert wird, hängt häufig von der aktuellen Stimmungslage der Mutter ab. Sie haben also vor allem Schwierigkeiten, Stabilität und Orientierung zu vermitteln. Zugleich haben Mütter mit BPS eine deutlich geringere Stresstoleranz, sie erleben quasi ständige Ausnahmesituation im Alltag. Das kann dazu führen, dass sie ihr Verhalten nicht mehr kontrollieren können. Für die Kinder betroffener Mütter heißt das, dass sie im Vergleich zu Kindern gesunder Mütter größeren Risiken ausgesetzt sind, psychische oder körperliche Verletzungen zu erleiden. Insgesamt zeigen Mütter mit BPS mehr negatives Erziehungsverhalten und fühlen sich weniger kompetent in der Elternrolle, das hat auch unsere Studie „Pro Child“ gezeigt, die wir vor kurzem abgeschlossen haben.
Die Studie „Pro Child“ lief über mehrere Jahre und wurde vom BMBF (heute Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt) gefördert. Worum ging es da genau?
Gemeinsam mit zwei Kolleginnen habe ich ein spezifisches Gruppenprogramm für Mütter mit BPS entwickelt, das gezielt ihre Erziehungskompetenzen und ihre Emotionsregulation stärken soll. Dies geschieht durch Achtsamkeitsübungen und Wissensvermittlung, aber auch durch Perspektivübernahme und Rollenspiele. Vielen Müttern hilft es schon zu sehen, dass sie nicht allein sind mit ihren Problemen, ihren Schuldgefühlen und der Überforderung – und dass sie sich mit anderen Betroffenen austauschen können. In der Studie haben wir genauer untersucht, wie sich Mütter mit BPS von gesunden Müttern in ihrer Erziehung unterscheiden und inwieweit das Gruppentraining Betroffenen hilft, ihre Gefühle besser zu regulieren und an Sicherheit und Souveränität in Erziehungsfragen zu gewinnen.
Welche zentralen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?
Die Studie zeigt, dass Mütter mit BPS mehr negatives Erziehungsverhalten zeigen als gesunde Mütter oder Mütter mit Angst und Depression und dass die wahrgenommene elterliche Kompetenz eine Rolle dabei spielt. In den Gesprächen und Übungen wurde deutlich, dass die teilnehmenden Mütter voller Liebe für ihre Kinder sind – es nur teilweise an Fertigkeiten fehlt, adäquat mit den Kindern umzugehen. Was die Studie auch gezeigt hat: Mütter mit BPS haben oft Angst, ihre Kinder zu verlieren oder stigmatisiert zu werden. Viele von ihnen suchen deshalb keinen Kontakt zum Jugendamt.
In der Evaluation des Trainings haben die teilnehmenden Frauen bestätigt, dass sie ihr Verhalten besser kontrollieren können, ihre Kinder besser verstehen und einzelne Situationen zu Hause besser bewältigen als zuvor. Auch Risikofaktoren für Kindeswohlgefährdung konnten reduziert werden. Insgesamt zeigt sich, dass dieser Ansatz wirksam ist.
Mittlerweile ist die Studie abgeschlossen. Gibt es dennoch die Möglichkeit für Mütter mit BPS, dieses Training zu absolvieren?
Aktuell wird das Gruppentraining in Berlin angeboten, perspektivisch hoffentlich auch hier in Erfurt. Aber ich habe in zahlreichen Fortbildungen für Kinder- und Jugendtherapeuten sowie auf wissenschaftlichen Veranstaltungen darüber berichtet und weiß, dass das Training in Kliniken und von niedergelassenen Kolleg:innen in anderen deutschen Städten durchgeführt wird.
Welchen Rat können Sie Menschen geben, die auf betroffene Mütter zugehen wollen, um Hilfe anzubieten?
Das ist gar nicht so leicht. In jedem Fall sollte man Müttern mit einer BPS nicht pauschal ihre Erziehungsfähigkeit absprechen, denn die Diagnose als solche ist nicht entscheidend, sondern das gelebte Verhalten und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Außenstehende sollten also empathisch und vorsichtig vorgehen. Am besten klappt das, wenn sie sich ein Stück weit solidarisieren und sagen: Ich sehe, dass du es gerade ganz schön schwer hast, wie kann ich dir helfen oder dich entlasten? Was können wir tun, damit die Situation einfacher wird?
Wie geht es jetzt mit Ihrer Forschung auf diesem Gebiet weiter?
Das Gruppentraining richtet sich an Mütter mit Kindern von null bis sechs Jahren. Gemeinsam mit meiner Doktorandin Clarissa Birk-Wendel konzipiere ich aktuell ein Folgetraining für Eltern von jugendlichen Kindern. Zusätzlich arbeite ich an einem Projekt zur Digitalisierung des Gruppentrainings in Form einer App (TEPSY). Dieses Projekt ist angedockt an der FU Berlin und wird gefördert durch das DZPG – die Evaluationsstudie soll im Laufe des Jahres starten. Zugleich plane ich ein Projekt, bei dem Stigmatisierungserfahrungen von Müttern mit BPS systematisch untersucht werden sollen.
Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Prof. Rosenbach.
Zum Sommersemester 2026 startet an der HMU Erfurt erstmals der Masterstudiengang Psychotherapie.