Die Lehre liegt ihm im Blut: Adrian Müller, 25, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Lehre und Forschung an der HMU Erfurt. Im Modul Physik vermittelt er Studierenden der Humanmedizin relevantes Wissen aus Bereichen wie Mechanik, Wärmelehre, Elektrizitätslehre, Magnetismus und Radioaktivität. Ein Gespräch über die Angst vor der Physik, den Wert praxisnaher Lehre und den Wunsch, Studierende inhaltlich dort abzuholen, wo sie stehen.
Keine Angst vor der Physik
Herr Müller, Sie haben Biologie und Wirtschaftslehre/Recht auf Lehramt studiert und sich nach dem 1. Staatsexamen für die universitäre Lehre entschieden. Wie ist es dazu gekommen?
Das ist ganz einfach: Mir macht Lehre unheimlich viel Spaß. Mein Verzicht auf eine Tätigkeit im Schulkontext lag eher daran, dass Schüler:innen oft nicht bereit sind, sich mit den Inhalten des Fachs intensiver auseinanderzusetzen. Von daher ist es gar nicht so überraschend, dass ich jetzt an der HMU bin. Schon früh habe ich anderen etwas beigebracht, habe jahrelang nebenbei Erste-Hilfe-Kurse für Kinder und Jugendliche gegeben und war als ausgebildeter Schwimmlehrer aktiv. Außerdem haben mich medizinische Themen immer schon interessiert. Meine Abschlussarbeit im Studium handelt davon, wie das Thema Reanimation an Schulen vermittelt werden kann.
Von der Biologie sind Sie zur Physik gewechselt: Warum ist dieses Wissen so wichtig für angehende Ärztinnen und Ärzte?
Viele Vorgänge im menschlichen Körper beruhen auf physikalischen Grundlagen. Dazu zählen beispielsweise die elektrischen Signale im Nervensystem, der Blutdruck oder Energieprozesse, die durch Umwandlung stattfinden. Physik hilft auch beim Verständnis für bildgebende Verfahren wie Computertomografie oder Magnetresonanztomografie. Früher war mir nicht klar, dass Biologie, Physik und Physiologie so nah beieinander liegen. Das wird im Medizinstudium sehr deutlich. Von daher bin ich überzeugt, dass es richtig und gut ist, diese Grundlagen, so kompliziert sie auch sein mögen, zu Beginn des Studiums gebündelt zu lernen, denn wenn die sitzen, fällt das restliche Studium deutlich leichter.
Seit knapp einem Jahr lehren Sie an der HMU Erfurt Physik im ersten Semester und geben Kurse zur Vorbereitung auf das Studium. Was ist Ihnen in der Lehre wichtig?
Unsere Studierenden haben in der Regel keine 1,0 als Abiturnote. Von daher lege ich großen Wert darauf, jeden dort abzuholen, wo er oder sie steht. Auch die, die in der Oberstufe keinen Physikunterricht mehr hatten und diejenigen, die vor dem Studium eine Ausbildung oder ein FSJ gemacht haben. Der Vorkurs vor Beginn des Studiums bietet ihnen eine echte Chance. In einer Woche werden die Grundlagen der Physik kompakt wiederholt. Mir ist wichtig, den Studierenden die Angst vor der Physik zu nehmen und sie Schritt für Schritt an die Themen heranzuführen. Denn wenn sie die Grundlagen verstanden haben, sind sie meist lernbereiter.
Die Vorkurse finden vor Ort an der HMU Erfurt statt?
Ja, Präsenzlehre ist in diesem Fall extrem wichtig. Ich kann direkt sehen, ob die Studierenden etwas verstehen und wann sie abschalten. Außerdem tauschen sie sich aus, helfen sich gegenseitig und schließen erste Freundschaften. Dadurch fällt ihnen auch der Studienstart leichter. Oft sind sie selbstbewusster und haben weniger Angst, Fehler zu machen. Und sie haben schneller eine Vorstellung davon, welche Lernmethoden sich für das Fach eignen.
Wie vermitteln Sie die oft so abstrakt wirkenden Inhalte aus der Physik? Was ist Ihr Geheimnis?
Mein Alter! (Er lacht.) Ich bin sehr nah dran an meinen Studierenden und wenn ich merke, dass sie etwas nicht verstehen, gebe ich passende Beispiele aus dem Alltag. Etwa, warum uns das Wasser trägt, wenn wir bestimmte Schwimmbewegungen machen. Oder dass der Blutdruck vergleichbar ist mit dem Druck des Wassers in der Dusche. Oder dass ein Slush-Eis durch Rühren flüssig wird, also den Aggregatzustand ändert, weil Energie und damit Wärme entsteht. Da lasse ich mir immer etwas einfallen.
Das hört sich schon fast freundschaftlich an.
So ist es nicht. Ich achte sehr auf professionelle Distanz und eine wissenschaftliche Beziehung. Schließlich muss ich die Studierenden am Ende des Semesters bewerten. Aber mir ist es wichtig, dass sie bei Fragen oder Unsicherheiten keine Scheu haben, auf mich zuzugehen. Im vergangenen Semester hatte ich einige Gespräche mit Studierenden im Drittversuch. Da habe ich viel Angst und fehlendes Selbstbewusstsein wahrgenommen. Wir haben intensiv daran gearbeitet und diejenigen, die bei mir waren, haben die Klausur mit guten Ergebnissen bestanden. Das ist auch für mich persönlich eine Bestätigung.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Müller.